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Den Nonnen ausgeliefert

4 Jahren ago

206 words

Essen. Sie wurden gezwungen ihr Erbrochenes zu essen, sich vor den Küchenmädchen auszuziehen oder den benässten Strohschlafsack zu tragen: Ehemalige Heimkinder berichten von der schrecklichen Praxis der Nachkriegszeit. Nur langsam bricht das Trauma auf.

Schreien war zwecklos. Wer hätte ihm schon helfen sollen? Den kleinen Knirps von acht Jahren, dessen Mutter gerade gestorben war, wollte niemand haben. Deshalb war er ja im Heim. Deshalb war er Nonnen ausgeliefert, die ihn mit eiserner Hand erzogen. Im katholischen St.-Joseph-Kinderheim in Essen-Kettwig erlebte Karl Verstappen die furchtbarste Zeit seines Lebens. „Ich wurde nicht sexuell Misshandelt”, sagt der heute 68-Jährige, „ich musste nur mein Erbrochenes essen.”

Das alles liegt lange zurück. Doch das Jahr 1945 lässt ihn nicht mehr los, es hat sich wie ein Schatten auf seine Seele gelegt. „Erst als Erwachsener begreifst du, was sie mit dir gemacht haben”, sagt Karl Verstappen heute. Alle Demütigungen und alle Verletzungen im Namen des Herrn unter den hölzernen Kruzifixen des Heimes haben ihn geprägt. Und als das St.-Joseph-Heim sein 150-jähriges Bestehen feierte, durfte er das schlimme Kapitel erinnern. „Viele Menschen haben geweint”, erzählt der Mann.

Quelle: der Westen.de