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4 Jahren ago

1154 words


Niemand hatte Willy Dorn gesagt, dass seine Kindheit im Alter von neun Jahren enden würde.

Der Rektor holt ihn und seine fünf Geschwister ohne Vorwarnung aus dem Unterricht der Suppinger Volksschule im Alb-Donau-Kreis. Zwei Männer vom Jugendamt führen die Kinder zu dem verfallenen Bauernhaus, in dem seine Eltern leben. Die Mutter steht weinend vor der Tür, der Vater tobt. Dorn muss seine Sachen packen und in ein Auto steigen.

Die Gewissheit, dass etwas nicht stimmt, kommt auf der Fahrt. Ein Mann beugt sich zu ihm und sagt: „Wir bringen dich jetzt an einen besseren Ort“, erzählt Dorn (58). Die Fahrt endet im evangelischen Kinderheim Siloah in Eglofstal, irgendwo zwischen Wangen und Isny. Es ist der 6. Mai 1965.

Erst später findet Dorn heraus, warum er weg musste: Seine Eltern sind nicht verheiratet, er kommt manchmal in schmutziger Kleidung zur Schule. Das Jugendamt beanstandet ein „zerrüttetes Elternhaus“ und steckt alle Kinder in Heime. Dorn sagt: „Aus diesem Elternhaus wegzukommen, war nicht das Schlechteste.“ Doch was er in den kommenden drei Jahren in Eglofstal erlebt, ist weit schlimmer als alles, was ihm Zuhause widerfährt. Er ist dem Personal schutzlos ausgeliefert, wird geprügelt und misshandelt. Erst als das Heim nach Isny umzieht, wird es besser. Insgesamt lebt Dorn sieben Jahre in Heimen. Geblieben sind Misstrauen, Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Kann man das Erlebte heute wieder gut machen? Die Geschichte von Willy Dorn zeigt, wie dunkel der Schatten der damaligen Zeit ist, und wie schwer es fällt, ihn heute, über 45 Jahre später, aufzuhellen.

An einem sonnigen Wintertag sitzt Dorn in einem Haus mit großen Fenstern in Beimerstetten, einem Dorf auf der Schwäbischen Alb bei Ulm. Seit gut einem Jahr wohnt der Grafiker und Maler mit seiner neuen Freundin hier. Aus einer früheren Beziehung hat er einen Sohn.

Er ist hager, die Haare sind grau, die Lippen schmal. „Ich beschäftigte mich mein ganzes Leben sehr intensiv mit diesem Thema“, sagt Dorn. Auf dem Tisch liegen Bücher mit Titeln wie „Schläge im Namen des Herrn“ und „Die Zeit heilt keine Wunden.“ Auch er plant, ein Buch über seine Zeit im Heim zu schreiben. Er hat vier Ordner mit Akten aus der damaligen Zeit: vergilbtes Papier, mit Schreibmaschine beschrieben.

„Onkel Horst“ holt Dorn nachts in sei Kabuff

Dorns Erinnerungen an die Zeit sind kraftvoll und farbig. Bis heute spürt er, wie der Erzieher „Onkel Horst“ ihm nachts über das Bein streichelt und Dorn aufwacht. Horst führt ihn in sein Kabuff und befiehlt ihm, seine Hose herunterzuziehen. „Ich traute mich nicht, zu widersprechen“, erzählt Dorn. Der Erzieher reibt sein steifes Glied zwischen seinen Beinen. Dorn spürt den warmen Atem des Erziehers, der nach Bier und Zigarrenrauch riecht. Als „Onkel Horst“ fertig ist, wischt er den Jungen ab und schickt ihn wieder ins Bett. In den kommenden Wochen holt er ihn immer wieder in sein Kabuff. Dann sucht er ein anderes Opfer.

Dorn hat niemanden, mit dem er über seine Erlebnisse reden kann. Unter den Kindern ist das Thema tabu. Bei seinen wenigen Besuchen zu Hause spricht er nicht mit den Eltern darüber.

Auch mit dem Heimleiter kann Dorn nicht reden. Der quält den Jungen lieber, indem er ihn mit den Fingernknöcheln in die Backe kneift, die Hand umdreht und ihn noch oben zieht.

Dorn wird Zeuge der Willkür im Heim, wenn „Onkel Wolfgang“ morgens seinen Schrank öffnet und den gesamten Inhalt auf den Boden wirft. Er streicht ihm das Frühstück und lässt ihn stattdessen alles wieder einräumen. „Das Schlimmste war diese unglaubliche Ohnmacht“, sagt Dorn.

Dem jetzigen Träger des Heims, dem diakonischen Unternehmen „Die Zieglerschen“, ist bekannt, „dass es schlimme Vorfälle gab“. Christof Schrade, Sprecher der Zieglerschen, sagt: „Wir haben zwei Historiker beauftragt, die damalige Zeit aufzuarbeiten.“ Rechtlich vorgehen könne man gegen ehemalige Erzieher nicht. Dass müssten die Betroffenen selbst tun.

Doch selbst wenn Erzieher und Heimleiter noch leben: Die Ansprüche sind längst verjährt und die Taten schwer nachweisbar.

Dorn denkt an Selbstmord

Und so schleppt Dorn sein Erlebnisse und Gefühle der damaligen Zeit bis heute mit sich herum. Mit seinen Geschwistern gibt es keinen Austausch. „Sie sind mir bis heute fremd geblieben“, sagt er. Die Folge: In der Zeit nach dem Heim plagen ihn Depressionen, er fühlt sich beziehungsunfähig, denkt an Selbstmord. Erst eine Therapie und ein zwischenzeitlicher Umzug nach Kreta hellen sein Leben auf.

Im Jahr 2009 erfährt Dorn, dass der Bundestag einen runden Tisch zur Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren eingerichtet hat. Auf Drängen ehemaliger Heimkinder beschäftigen sich alle damals Beteiligten zwei Jahre lang mit dem Schicksal der rund 800.000 Heimkinder dieser Zeit. Das Ergebnis ist ein Fonds, in den Bund, Länder und Kirchen je 40 Millionen Euro einzahlen. Maximal 10.000 Euro gibt es für „Folgeschäden der Heimunterbringung“. Wer im Heim arbeiten musste, bekommt pro gearbeiteten Monat 300 Euro Rente.

Ehemalige Heimkinder aus Baden-Württemberg müssen zu einer Anlaufstelle nach Stuttgart, in ein Souterrain-Büro am Feuersee. Dort arbeitet Irmgard Fischer-Ortwein (55), eine Sozialpädagogin mit kurzen grauen Haaren und einer randlosen Brille. Sie sitzt an einem Tisch und sagt: „Was alle Heimkinder eint, ist das Gefühl, allein gelassen worden zu sein.“

Es ist ihre Aufgabe, mit den Ehemaligen eine Reise in die Vergangenheit zu machen und nach einer Brücke in die Gegenwart zu suchen. Wer im Heim fror, erhält Geld für einen Kachelofen; wer musiziert, um seine Depressionen zu lindern, dem zahlt die Anlaufstelle ein Instrument. Außerdem klärt Fischer-Ortwein, ob die Heimkinder Rentenersatz bekommen.

Dorn stehen Ersatzleistungen zu

Auch Dorn stehen Rentenzahlungen zu – er musste in Isny beim Aufbau des neuen Heims helfen und Erde schaufeln. Sozialversicherungsbeiträge sind dafür nie gezahlt worden.

Doch er ist misstrauisch. Der Träger der Anlaufstelle ist ein Verband, bei dem auch das Landesjugendamt angesiedelt ist. „Da haben bei mir die Alarmglocken geschrillt“, sagt er. „Sollen die, die damals Kinder ins Heim steckten, darüber entscheiden, wer heute eine Entschädigung bekommt?“, fragt sich Dorn.

Dennoch beschließt er, nach Stuttgart zu fahren.

Der erste Satz von Fischer-Ortwein lautet: „Wie geht es Ihnen?“ Dorn entspannt sich. Gut zwei Stunden unterhalten sich die beiden. „Ich hatte das Gefühl, ernst genommen zu werden“, sagt er über das Treffen.

Ein Ergebnis: Ihm wird klar, dass er keine Autoritäten duldet. „Das hat mich zwangsläufig in die Selbstständigkeit manövriert.“ Fischer-Ortwein sieht einen klaren Zusammenhang zu seiner Zeit im Heim. Deswegen erhält Dorn 10000 Euro für seine Geschäftsidee: Er plant einen Galerie- und Ausstellungsservice. Dafür hat er sich vor wenigen Monaten einen Bus gekauft. Außerdem erhält er einmalig 9000 Euro Rente.

Das Geld hilft Dorn beim Aufbruch in eine neue Zukunft – die Hölle von Eglofstal kann es nicht ungeschehen machen.

Quelle: swp.de